Tornow, Karl

Karl Tornow (1900-1985), gilt heute als einer der einflussreichsten Sonderpädagogen der NS-Zeit. Er war Propagandachef der Sonderschulen, Berater des rassenpolitischen Amts, prägte die Lehre der völkischen Sonderpädagogik, die für die Zwangssterilisation von hunderttausenden „Behinderten“ mitverantwortlich war. 1934 verfasst er mit einem weiteren Sonderschulpädagogen sein  Unterrichtsbuch „Erbe und Schicksal. Von geschädigten Menschen, Erbkrankheiten und deren Bekämpfung“. Es richtet sich an „behinderte“ Kinder, hetzt gegen „Asoziale“, gegen „blöde Männer mit Spalthänden“, „Idioten“, „Trinker“, „Schwachsinnige“. Seine Botschaft lautet: Wer „erbkrank“ ist, der muss sich zum Volkswohl sterilisieren lassen. Sie bekommen Fragen mit wie: „Warum lebe ich überhaupt?“ Die Antwort können sie nachlesen: „Es wäre besser, ich hätte niemals das Leben kennengelernt und wäre niemals geboren worden.“ Tornow wird von den Sonderpädagogen der Nachkriegszeit auch deshalb als skrupelloser NS-Funktionär gebrandmarkt.

Die Hilfsschule steckt zu Beginn der NS-Zeit in einem Dilemma. Sie definiert ihre Schülerschaft als „angeboren schwachsinnig“, was die Nationalsozialisten in ihren Vorstellungen mit „erbkrank“ gleichsetzen. Damit standen sie Hilfsschulen im Abseits. Karl Tornow löste dieses Problem mit der Einführung des Begriffs der „Behinderung“. Er definiert Hilfsschulkinder als Kinder, „die ein bisschen zurück sind“. „Beim einen ist es das Lesen, beim anderen das Schreiben, beim dritten das Erzählen, beim vierten das Diktat oder das Auswendiglernen. Der fünfte ist unruhig, passt nicht auf, er kann nicht stillsitzen. Der sechste ist langsam und pomadig, nichts kann ihn aus der Ruhe bringen.“
Tornow betont, dass diese Hilfsschüler nicht zwangsweise „erbkrank“ seien. Er grenzt sie von „Schwachsinnigen“ ab, die in die Anstalt gehörten. Den Nationalsozialisten gegenüber legitimiert er die Hilfsschule, weil sie die „schwachen Kinder“ aus der Volksschule fernhalte und gleichzeitig ein Sammelbecken für „potenziell erbkranke Kinder“ sei, die man sterilisieren könne. Heutige Schätzungen gehen davon aus, dass die Hälfte der Hilfsschüler im Dritten Reich sterilisiert wird.

1934 führt Tornow erstmals in Deutschland den Begriff Sonderpädagogik als zentralen Fachbegriff ein. In einer Rede erklärt er, dass es bei der Arbeit der Sonderpädagogen nicht auf die einzelne Schädigung eines Kindes ankomme, ob es blind, taub oder langsam sei, sondern darauf, ob die Gefahr bestehe, dass jemand „behindert“ sei, sich unter „Benutzung der üblichen Bildungs- und Erziehungseinrichtungen“ zum „vollwertigen und lebenstüchtigen Mitglied des deutschen Staates“ zu entwickeln. „Der Begriff der Besonderung“, erklärt Tornow, habe den Vorteil, dass eine Abweichung vom Üblichen mitgedacht werde, „ohne daß sich wie beim Heilen eine Sinngebung auf Krankes, Anormales, Defekthaftes, und wie die gefühltsbetonten Dinge alle heißen, einschleicht.“

Auch in der Sonderschulpädagogik der Nachkriegszeit wurde trotz aller negativen Einschätzungen zu seiner Person, auch wegen der Verstrickung vieler Hilfsschulpädagogen in die nationalsozialistische Rassenpolitik an Teilen seiner Grundlehre festgehalten.

 

© Matthias Meissner E-Mail

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