BCKategorie 08.09.2016 09:53:24 Uhr | Kultur

Ein Versuch einer Kreisgeschichte

Von den Siedlungsanfängen bis zu den Ortsgründungen

Das Gebiet um den Harz ist schon für die Vorfahren des heutigen Menschen eines der ältesten Verbreitungs- und Siedlungsgebiete. Entscheidend für die Siedlungs-geschichte waren die Flüsse und Bäche wie Bode, Hassel, Holtemme, Selke sowie deren Zuflüsse und der Goldbach. Das Harzgebiet war größtenteils mit Wäldern bedeckt. Ihre Beschaffenheit ermöglichte die Jagd wie das Sammeln von Früchten. Zeugen vorgeschichtlichen menschlichen Wirkens findet am bei Bilzingsleben südlich des Harzes. Dort wurden Überreste und Werkzeuge des Homo Erectus gefunden, welche ca. 370.000 Jahre alt sein dürften. Bekannt sind auch die Schöninger Speere (nördlich des Harzes), als die bisher ältesten gefundenen Jagdwaffen der Welt. Sie sind ca. 270.000 bis 400.000 Jahre. Bereits vor über 200.000 Jahren gelangten die Vorfahren des heutigen Menschen als Jäger und Sammler dann schließlich auch an den unmittelbaren Harzrand. Die raue Bergwelt war anscheinend zunächst weniger geeignet. Vor etwa 100.000 Jahren eigneten sich unsere Vorfahren dann nach und nach auch das Gebirge an. Man nutzte den Schutz der Höhlen vor dem teilweise rauen Klima. In den Rübeländer Höhlen fand man Werkzeuge und Knochenfragmente des Neandertalers, die auf ein Alter von ca. 80.000 - 100.000 Jahre schätzt.

Die unterschiedlichen natürlichen Lebensräume, Gebirge mit Tallagen, Gebirgsrand und Flachland boten den ersten die Harzwälder duchstreifenden Menschen unterschiedliche Möglichkeiten des Gemeinschaftslebens. Spuren von Jägern in der Altsteinzeit um 100.000 bis 40.000 v. Chr. sind in der Umgebung von Rübeland durch Artefakte wie Steinwerkzeuge und Scherben nachweisbar. Die erste Arbeitsteilung setzte ein und das spätere Halten von Vieh kann als ein Zeichen beginnenden Sesshaftwerdens gewertet werden. Die bis dahin immer noch vorherrschende nomadische Lebensweise wich dem Ackerbau und der Viehhaltung. Das ständige Herumziehen wird gegen feste Ortsbindungen in festen sozialen Gemeinschaften eingetauscht. Eine gezielte Nahrungsproduktion und die Vorratshaltung machten die Siedler von der Veränderung der natürlichen Umwelt zu den jeweiligen Jahreszeiten unabhängiger.

Die ersten Siedlungsspuren reichen bis in die Altsteinzeit zurück. So war nachweisbar die Gegend immer wieder an einigen Stellen nahezu durchgehend besiedelt. Die ertragreichen Böden machten die Gegend für Siedler während des Neolithikums besonders interessant, was sich durch unzählige Siedlungsreste dieser Epoche nachweisen lässt. Erste festere Besiedlungen erfolgen aus dem Harzvorland in Richtung Harzrand kommend etwa ab dem achten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Das belegen u. a. Funde von Steinwerkzeugen und Urnen aus Zeiten etwa vor 8.000 Jahren im Raum  Ermsleben.  Funde aus Jungsteinzeit im Gebiet um Börnecke weisen dort auf eine Besiedlung seit etwa 7.000 Jahren hin. Bei Westerhausen z. B. sind 6.000 Jahre alte Siedlungsaktivitäten nachweisbar. Funde aus der Jungsteinzeit (Neolithikum im nördlichen Mitteleuropa, ca. 5500 und 4000 v.u.Z.) belegen in der Region das Vorhandensein der mitteldeutschen Bandkeramischen (ca. 5500 v.u.Z.), Trichterbecher-(ca. 4200-2800 v.u.Z.) und Schnurkeramikkultur (ca. 2800 bis 2200 v.u.Z.) Allein in der Stadt und der näheren Umgebung von Quedlinburg wurden mehr als 50 Fundstellen nachgeiesen. Etwa zwei Kilometer nordwestlich von Quedlinburg, westlich der Wüstung Marsleben, konnte 2005 eine Kreisgrabenanlage der Stichbandkeramik untersucht werden, in Alter, Ausdehnung und Form vergleichbar der Kreisgrabenanlage von Goseck.. In Derenburg wurde aus dieser Zeit ein Gräberfeld mit Überresten von über 20 Generationen (5.500 – 5000 vor unserer Zeit) ausgegraben. An mehreren Stellen wurden u.a. im Zusammenhang mit dem Bau der B 6n zwischen Wernigerode und Heimburg Grablagen aus der Trichterbecherkultur (4.200 – 2.800 vor unserer Zeit) gefunden. Auch in Benzingerode kann eine Besiedlung während des Neolithikums durch Personengruppen nachgewiesen werden, die der Bernburger Kultur, einer Untergruppe der Trichterbecher-kultur, zugeordnet werden. Als archäologisch auswertbare Zeugnisse dieser Gruppen haben sich so genannte Totenhütten (3.100 – 2.700 vor unserer Zeitrechnung) und Langhäuser erhalten. Beides wurde auf der Trasse der Ortsumgehung der neu gebauten Bundesstraße 6n gefunden. Archäologische Funde – u.a. Steinäxte aus der Bandkeramischen und Tonscherben aus der Schnurkeramischen Kultur lassen auf eine gleichzeitige und durchgehende Besiedelung des Gebietes um Ditfurt schließen.

Nachweisbar hatten die in unserem Gebiet damals siedelnden Menschen schon in der frühen Bronzezeit (3.000 - 2.200 vor unserer Zeit) Beziehungen bis nach Nordwestdeutschland sowie Böhmen.

In der Jungsteinbronzezeit sind diese Besiedlungen dann auch bis in die mittleren Lagen des Harzes nachweisbar. Eine wichtige Periode setzt für den Harz dann um 800 vor unserer Zeit ein. In der so genannten Eisenzeit sind die ersten Ursprünge des Harzer Bergbaus zu finden. Es trat ein erhöhter Holzbedarf für dessen Verhüttung ein, größere Rodungen gab es deswegen aber noch nicht.

In der Völkerwanderungszeit, in der zweiten Hälfte des letzten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung, setzte die Stammwerdung der Germanen ein. Besonders zu erwähnen sind hier die Hermunduren, die Vorfahren der Thüringer. Zur Zeit der Völkerwanderung lebten zwischen Elbe und Oder nordgermanische Stämme der Sachsen, Sueben, Lemonier, Rugier und Warnen. Man vermutet, dass sich in dieser Zeit in Wehrstedt bereits Sachsen niedergelassen haben, die von der Unterelbe kamen.

Eine andere ethnologische Gruppe der Germanen war die der Cherusker, die zwischen 500 und 300 vor unserer Zeitrechnung aus ihrem Ursprungsraum zwischen Weser und Elbe in den Harz vorstieß und sich mit den hier Siedelnden mischte. Die Anfänge der Gemeinde Wedderstedt, ehemals als “lüttken wederstede” erwähnt, fallen wahrscheinlich in diese Zeit. Ihr bedeutendsten Vertreter war der Cheruskerfürst Arminius, dem Feldherr, der im Jahre 9 nach Christi die Gemanen in der sagen-umwobenen Schlacht im Teutebourger Wald erfolgreich gegen die Römer führte.

Die Römer durchzogen im 1.Jahrhundert beim Versuch das Land der Germanen zu erobern mehrfach das Harzvorland. Dessen feste Inbesitznahme gelang den Römern aber nicht. Dieser ständige Abwehrkampf beschleunigte letztlich bei den Germanen die Staatenbildung.

Mehr und mehr wurde nun das Harz bis in die höheren Lagen in Besitz genommen. Vor allem die Sachsen breiteten sich vom Gebiet zwischen Elbe/Saale kommend aus. Die Warnen ein germanischer zum Großstamm der Thüringer zählende Stamm sind dann ca. 300 - 600 n Chr. wahrscheinlich auch der Namensgeber z. B. für Warnstedt. Aus dieser Zeit stammen auch Ortsnamen u. a. mit -stedt (Groß Quenstedt, Wedderstedt) oder -leben (Emersleben, Harsleben, Hedersleben, Wegeleben). Eine Höhensiedlung und das Fürstengrab von Emersleben aus dem 3. Jahrhundert, welches in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Thies (Thingplatz) von Groß Quenstedt lag, sind Zeugnisse hierfür. Um 400 entstand für die Harzer Region mit dem Thüringischen Reich das erste bedeutsame staatliche Gebilde.

Bis zum Ende der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends bildeten sich weitere festere Ansiedlungen. Wieder sind es Orte mit der Endung „-leben“ wie z. B. Badersleben, Dedeleben, Ermsleben, Minsleben, Marsleben, Radisleben, Wasserleben oder mit der Endung -dorf“ wie z. B. Rodersdorf, Deesdorf, Hausneindorf.

Im 8. Jahrhundert kamen die Franken unter Karl dem Großen. Anstelle der sächsi-schen Gauverfassung wurde die fränkische Grafschaftsverfassung eingeführt. Königliche Grafen aus fränkischen Adelsgeschlechtern übten das Amt aus. Die neuen Grafschaften wurden aus mehreren Gauen gebildet.

Durch Karl den Großen erfolgte die Christianisierung zwischen 750 und 780. Diese ging einher mit Unzufriedenheit und kriegerischen Auseinandersetzungen, da der heidnische Glaube noch viel Rückhalt in der Bevölkerung hatte. So befand sich z.B. in Hedersleben ein heidnisches Heiligtum und im Gebiet unserer Gemeinden mehrere Thingplätze (Thie), z.B. in Harsleben, Schwanebeck und Groß Quenstedt.

Im Anschluss an die Christianisierung wurde 804 das Bistum Halberstadt gegründet. In diesem Zusammenhang kam es zum Bau von Kirchen, als Wehrstätten gegen den heidnischen Glauben. Orte werden nun auch als soziale Gemeinschaft dem chistlichen Glauben unterworfen und zunehmend als Lehen oder Besitz zugeordnet. Oftmals gehen solche auch aus kirchlichen Heberegistern hervor, da die Bewirtschaf-tung von Flächen der Bistümer Ortsgründungen und Siedlungen zur Folge haben. So wird z. B. Ditfurt wird 810 im Heberegister des Bistums Fulda aufgeführt und 974 erstmals urkundlich erwähnt.

Andere Orte entstehen in unmittelbarer Nähe zu den Herrschaftsbauten der Grafen und späteren Herzöge, mit der sie in einem abhängigen Verhältnis stehen.

Am Ende des 8. Jahrhunderts häufen sich urkundliche Nachrichten über Ortschaften in der Harzregion, vor allem in der Umgebung des heutigen Quedlinburg (Marsleben, Groß Orden, Ballersleben) - alle wüst gefallen -, Ditfurt und Weddersleben.

Im Harzvorland lässt sich das Entstehungsalter der Dörfer, deren Ortsnamen mit dem Grundwort -rode gebildet sind, eingrenzen auf den Zeitraum ab etwa dem zweiten Viertel des 9. Jahrhunderts bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts.

Im 10. Jahrhundert fallen immer wieder die Ungarn in das Gebiet ein. Eine Burgen-ordnung von 926 sieht den Bau von Fluchtburgen vor. Diese waren mit Proviant und entsprechender Ausstattung zu versehen. Aus dieser Zeit sind noch einige Wehr-türme und Burgen erhalten (Hausneindorf, Wedderstedt). Zusätzlich sollte ein Reiterheer aufgebaut werden.

Das Hochmittelalter war die Blütezeit des Rittertums und des römisch-deutschen Kaiserreichs, des Lehnswesens und des Minnesangs. Die Bevölkerung begann zu wachsen, Handwerk und Handel wurden gefördert und auch die Bildung war nun nicht länger ausschließlich ein Privileg des Klerus. Es kommt in der Folge im 11. Und 12. Jahrhundert zu vielen neuen Ortsgründungen, bestehende Orte beginnen zu wachsen. Ihre Abhängigkeiten zu verschiedenen Grafschaften, Fürsten- und Herzog-tümer werden immer stärker zementiert. Die soziale Struktur in den einzelnen Gebieten wird immer mehr durch jeweilige Herrschaftshaus und die Art und Weise der Sicherung des Lebensunterhaltes (Arbeit und soziales Umfeld) geprägt. Der kulturelle und traditionelle Lebensalltag differenziert sich mehr und mehr.

Ab dem 12. Jahrhundert entstanden hunderte kleinerer und größerer neuer Siedlungen in ganz Europa, denen meistens bald das Stadt- oder Befestigungsrecht zuerkannt wurde. Stadtgründungen waren - neben der Anlage von Burgen zum Schutz von Dörfern an strategisch wichtigen Punkten - ein wichtiges Element des Territorialausbaues. Diese Burgen wurden bewohnt von niederem Adel. Eine ganze Reihe solcher Burgen entstehen auch im Harz. Die Burgen von Wernigerode, Blankenburg, Harzgerode haben hier beispielsweise auch ihren Ursprung.