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Gedenkort für die Todesopfer des Außenkommandos „Richard“ Wernigerode

Die Opfer des Außenkommandos des KZ Buchenwald in Wernigerode haben einen Gedenkort erhalten. Wenige Tage vor dem 27. Januar, dem „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“, ist auf dem Gelände der Mahn- und Gedenkstätte im Veckenstedter Weg nunmehr ein Ort entstanden, der an die Häftlinge erinnert, die dort von den Nationalsozialisten ermordet wurden oder zu Tode kamen. „Schon an den Geburts- und Sterbedaten wird deutlich, dass viele von ihnen minderjährig zur Zwangsarbeit ins Dritte Reich verschleppt wurden und teilweise nicht einmal das 18. Lebensjahr erreicht haben“, erklärte Matthias Meißner bei der feierlichen Übergabe. 

Der Leiter der Mahn- und Gedenkstätte hob hervor: „Wir erinnern heute an jene, die durch Gewalt und Ungerechtigkeit ihr Leben verloren haben. In ihrer Stille finden wir eine Mahnung: Gewalt darf nicht normalisiert werden, Leid darf nicht ignoriert werden, und Erinnerung ist der Boden, auf dem wir Menschlichkeit erneuern.“

Seit November 2025 entstand der Gedenkort wenige Meter westlich des 1974 eingeweihten Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus. Vor der auf einem kleinen, gepflasterten Erdwall aufragenden Flammenschale der „Atelierschmiede Harz“ mit der ewigen Flamme, in der Harzkristall-Manufaktur Derenburg und „Euroglas“ Haldensleben aus Glas gestaltet und mit LED illuminiert, ist eine Gedenkplatte im Boden eingelassen. Sie listet die Namen und Lebensdaten der 36 von den Nazis getöteten Häftlinge auf, die aus Polen, Frankreich, Russland, der Ukraine, aber auch aus Deutschland stammten. Deren Namen stehen stellvertretend für all die anderen Opfer der Nazibarbarei. „Wir werden darüber hinaus ein Informationsheft erstellen, in dem wir versuchen werden, ihren Leidensweg im damaligen Deutschland nachzuzeichnen“, kündigte Meißner an.

Auch heute noch, fast 85 Jahre nach der Einrichtung und dem Aufbau des Außenkommandos „Richard“ Wernigerode, sind nur wenige Schicksale der insgesamt rund 800 zur Zwangsarbeit eingesperrten Häftlinge überhaupt bekannt. Es gibt nur wenige Berichte. Als 1970 mit der Aufarbeitung der Geschehnisse in diesem Lager begonnen wurde, hat man es verabsäumt, jene zu fragen, die in der Häftlingshierarchie ganz unten standen, und den deutschen Kapos viel Raum für ihre Berichte und Darstellungen gelassen. „Die Mehrheit der Häftlinge blieb namenlos als eine mit maximal 800 Häftlingen benannte Masse in den damaligen Aufarbeitungen zurück, so sind nicht einmal 20 namentlich genannte Häftlinge dort enthalten“, bedauert Matthias Meißner.

Fest steht aber: Da es sich im Veckenstedter Weg um ein Arbeitslager handelte, war die SS bestrebt, hier nur arbeitsfähige Häftlinge zu haben. Im Unterschied zu den Vernichtungslagern gab es in diesen einen finanziellen Vorteil, die Arbeitskraft der Häftlinge zu erhalten. Das sei der Grund dafür, dass es wohl „nur“ 36 derzeit nachweisliche Todesfälle hier vor Ort gab, wobei es sich bei sieben Häftlingen um eine Hinrichtung und entweder einen Fluchtversuch oder Suizid handelte, der im elektrischen Zaun endete. Die anderen Häftlinge starben an den Folgen der Arbeit und schlechten Lebensbedingungen: Lungen-TBC/Lungenentzündung und Magendurchbruch/Gastritis sind die häufigsten der festgestellten Todesursachen. In einem Fall ist ein schwerwiegender Arbeitsunfall belegt, bei dem in der Gießerei ein Häftling schwere Verbrennungen am gesamten Körper erlitt und diesen wenig später erlag.

Derzeit laufen die Recherchen nach den Schicksalen der anderen 760 Häftlinge. „Bis heute sind uns weitere 64 Häftlinge bekannt, die später in Buchenwald, anderen Konzentrationslagern oder Todesmärschen ermordet oder umgekommen sind“, sagt er. Da derzeit keine Angaben zu finden sind, welche Häftlinge auf dem Todesmarsch von der Steinernen Renne nach Leitmeritz bzw. Budjoviče starben, werde sich die Opferzahl noch deutlich erhöhen.

Der neue Gedenkort hatte viele Helfer. Dazu zählen neben Familie Jörke und Herrn Stein aus Hüttenrode die Atelierschmiede Harz, die mobile Arbeitsgruppe der Stiftung Denkmalpflege Quedlinburg, die Firma „Wetzel Design“, Herr Hemmecke von der Firma Baustoff-Transporte Joseph sowie die Firmen „Harzkristall“ Derenburg und „Euroglas“ Haldensleben.

Gedenkstunde
Der Name des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz ist der Inbegriff für den nationalsozialistischen Massenmord und seine entmenschlichte Vernichtungsmaschinerie. Auschwitz wurde zum Synonym für den Holocaust. 2005 erklärten die Vereinten Nationen den 27. Januar zum internationalen Holocaust-Gedenktag.

Der Landkreis Harz und die Stadt Wernigerode laden am 27. Januar zu einer gemeinsamen Gedenkstunde um 16.00 Uhr in die Mahn- und Gedenkstätte am Veckenstedter Weg 43 in Wernigerode ein.

Hintergrund
In zweieinhalb Jahren jährt sich die Einrichtung und der Aufbau des Außenkommandos „Richard“ Wernigerode zum 85. Mal. In den Abendstunden des 23. März 1943 kamen mit einem LKW-Transport die ersten 95 Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald hier am Veckenstedter Weg an. Bewacht von einem SS-Kommando unter Führung des eingesetzten Kommandanten Grossmann wurden die Häftlinge zunächst zur Erweiterung und zum Umbau des 1941 errichteten Zwangsarbeitslagers in einem KZ-Außenkommando eingesetzt. Die vorhandenen sieben Baracken des Reichsarbeitsdienstes wurden strukturell verändert, ein Elektrozaun, versehen mit einer Ladespannung von 380 Volt, wurde errichtet sowie zwei Steinbaracken mit Unterkünften und Funktionsräumen hochgezogen.