Interview mit Domenic Trieu
43 Jahre, Berufsbildungsbegleiter, Line-Dancer, Harry-Potter-Fan, blind
Im Rahmen eines Projektes zur Barrierefreiheit lernte Elke Selke, kommunale Gleichstellungs- und Behindertenbeauftragte im Landkreis Harz, Dominic Trieu kennen. Seine Geschichte von Verlust, Neuanfang und Zuversicht hat sie tief beeindruckt.
Herr T, stellen Sie sich bitte kurz vor.
Mein Name ist Dominic Trieu, ich bin 43 Jahre alt. Ich bin ausgebildeter biologisch-technischer Assistent und war als Qualitätsprüfer in einem Labor tätig. Das war ein Beruf, der mir viel Spaß gemacht hat.
In meiner Freizeit war Line-Dancing meine Leidenschaft. Ich liebte das Tanzen, die Gemeinschaft und die Auftritte.
Dann änderte sich mein Leben schlagartig. 2018 verschlechterte sich plötzlich meine Sehkraft. Bereits ein Jahr später konnte ich nur noch drei Prozent sehen. Ich konnte nicht mehr als Qualitätsprüfer arbeiten, verlor meinen Führerschein, mein Hobby - und zeitweise auch meine Perspektive.
Es folgten unzählige Arztbesuche. Niemand konnte zunächst erklären, warum ich so schnell erblindete. „Unklare Genese“ war der Befund, den ich immer wieder hörte. Diese Ungewissheit war kaum auszuhalten. Ich war erst Mitte dreißig und fragte mich oft: Soll das schon alles gewesen sein?
Gab es einen Wendepunkt?
Ja. Für mich wurde Halberstadt zum Glücksort.
2022 zog ich der Liebe wegen hierher. Ich hatte wieder begonnen zu tanzen, denn Line-Dance funktioniert, wenn man die Schritte kennt, auch mit wenig Sehkraft. Dabei lernte ich meine Frau kennen. Bald erwarten wir unser erstes Kind.
Außerdem fand ein Augenarzt im Halberstädter MVZ endlich die Ursache meiner Sehbehinderung: eine Toxoplasmose, eine Infektionskrankheit.
Ein weiterer Glücksfall war eine Begegnung bei den Winterhöfen. Dort lernte ich Frau Dr. Pott, die Leiterin des Gleimhauses kennen, die mich noch am selben Tag mit Frau Giebel von den Diakonie Werkstätten Halberstadt bekannt machte. Damals ahnte ich nicht, welche Bedeutung diese Begegnung später für mich haben würde.
Wie ging es beruflich weiter?
Die Arbeit im Labor wurde zunehmend schwieriger. Ich hatte Angst, beruflich keine Chance mehr zu haben.
Deshalb absolvierte ich die Blindentechnische Grundrehabilitation. Dabei lernte ich alle blindentechnischen Grundfähigkeiten wie zum Beispiel das Langstocktraining und die Brailleschrift. Ich übte jeden Tag mindestens vier Stunden Braille-Schrift, weil ich unbedingt wieder selbstständig lesen wollte.
2025 schloss ich die Ausbildung zur qualifizierten Braille-Lehrkraft ab.
Wird Brailleschrift nicht durch die Digitalisierung verdrängt?
Teilweise schon. Viele setzen heute auf Sprachausgabe und digitale Hilfsmittel. Doch längst nicht alle Webseiten oder Dokumente sind barrierefrei. Deshalb bleibt Brailleschrift für viele Menschen unverzichtbar.
Wie kamen Sie zu Ihrer heutigen Tätigkeit?
Nach bestandener Ausbildung zur Braille-Lehrkraft erinnerte ich mich an die Visitenkarte von Frau Giebel. Ich nahm allen Mut zusammen, rief an, bewarb mich - und bekam eine Stelle.
Heute arbeite ich als Berufsbildungsbegleiter für Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen und geistigen Beeinträchtigungen sowie als Braille-Lehrkraft bei den Diakonie Werkstätten Halberstadt.
Mein nächstes Ziel ist die Ausbildung zur Geprüften Fachkraft zur Arbeits- und Berufsförderung. Damit kann ich 2027 beginnen.
Was macht eigentlich ein Berufsbildungsbegleiter?
Als Berufsbildungsbegleiter in den Diakonie Werkstätten unterstützen wir Menschen mit Behinderungen auf ihrem Weg zu einer beruflichen Zukunft. Wir fördern individuelle Stärken, vermitteln fachliche Arbeitskenntnisse sowie soziale und persönliche Kompetenzen. Wir sind während der gesamten Qualifizierungsphase an der Seite der Leistungsberechtigten.
Durch Praktika sowie die Orientierung an persönlichen Interessen, Fähigkeiten und Wünschen entwickeln wir gemeinsam passende Perspektiven. Darüber hinaus unterstützen wir beim Erwerb digitaler Kompetenzen, beim Mobilitätstraining und bei Bewerbungsprozessen.
Unser Ziel ist es, individuelle berufliche Wege zu eröffnen und den Übergang in geeignete Arbeitsbereiche zu begleiten - sei es innerhalb der Werkstatt, auf einem Außenarbeitsplatz oder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.
Sind Digitalisierung und Künstliche Intelligenz aus Ihrer Erfahrung nach eher Chance oder Risiko?
Für Menschen mit Sehbehinderungen sind sie vor allem eine große Chance.
Ich nutze beispielsweise eine intelligente Brille, die Texte vorliest, Bilder beschreibt und Dokumente zusammenfasst. Solche Technologien schaffen Teilhabemöglichkeiten.
Gleichzeitig gibt es noch viele Barrieren. Als ich nach der Diagnose Blindengeld beantragen wollte, suchte ich nach einem Online-Formular - und musste feststellen, dass der Antrag handschriftlich ausgefüllt werden musste. (Hinweis: Der Antrag in Sachsen-Anhalt kann jetzt online ausgefüllt und per Email versendet werden.)
Was raten Sie jungen Menschen mit Sehbehinderung?
Macht euch nicht klein! Zeigt eure Stärken und fordert die Unterstützung ein, die ihr braucht. Vernetzt euch mit anderen Betroffenen - das gibt Kraft und macht Mut.
Welchen Wunsch haben Sie an Arbeitgeber?
Sehen Sie zuerst die Fähigkeiten eines Menschen und nicht seine Einschränkung.
Viele Hindernisse lassen sich mit moderner Technik, Offenheit und etwas Kreativität überwinden. Oft geht viel mehr, als man zunächst denkt.
Was wünschen Sie sich von Menschen ohne Behinderung?
Respekt und ein wenig Sensibilität wären gut.
Einmal stand ich an einer Eisdiele neben einer Bushaltestelle. Plötzlich zog mich jemand am Arm und rief: „Der Bus kommt, schnell!“ Dabei wollte ich gar nicht zum Bus.
Viele Menschen wollen helfen und meinen es gut. Doch Hilfe sollte nicht ungefragt erfolgen.
Und haben Sie keine Scheu vor Fragen. Viele wissen nicht, was Menschen mit Sehbehinderungen können oder nicht können, wie sie leben, was sie sich wünschen. Offene Gespräche schaffen Verständnis.
Wie gefällt Ihnen der neu gestaltete Breite Weg in Halberstadt?
Ich bin froh, dass die Baustelle vorbei ist. Während der Bauzeit musste ich meine Wege ständig neu lernen. Oft wusste ich nicht, wo ich entlanggehen durfte.
Heute ist vieles schöner geworden. Besonders die stufenlosen Zugänge zu den Geschäften sind ein großer Fortschritt. Was leider fehlt, ist ein Blindenleitsystem.
Welche Herausforderungen liegen vor Ihnen?
Die schönste Herausforderung ist meine zukünftige neue Rolle als Vater. Darauf freue ich mich sehr.
Außerdem bekomme ich nach vielen Jahren Kampf und Wartezeit einen Blindenführhund. Die Ausbildung dauert noch etwas, aber bald wird auch er zu unserer Familie gehören.
Herr Trieu, vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute für die Zukunft.



